Praxis oder Schule? Berufsausbildung in Europa

Duale Berufsausbildung, nur schulisch oder gleich learning by doing? Wege, um einen Beruf zu lernen gibt es viele in Europa. Aber welcher ist der Beste für das spätere Berufsleben?

 

Im Ausland das deutsche Ausbildungssystem zu erklären ist gar nicht so einfach. „Wie das geht drei Jahre? Und da geht man nebenher arbeiten?“ Gerade die Dualität der Ausbildung und die drei Stufen – Azubi, Geselle, Meister – sind im europäischen Vergleich etwas Besonderes.

Denn in Europa sind die Möglichkeiten einer Berufsausbildung sehr heterogen. Meist gibt es die zwei Möglichkeiten: entweder eine schulische Ausbildung in Vollzeit oder eine duale Berufsausbildung, bei der sich Schul- und Praxiseinheiten im Betrieb abwechseln.

Die Strukturen der Berufsausbildung und vor allem der Stellenwert innerhalb eines Staates sind sehr unterschiedlich. So gibt es beispielsweise in Belgien und Frankreich auch ein duales Ausbildungssystem, doch es hat einen niedrigeren Stellenwert in der Gesellschaft als das Schulische. In Estland und Island gibt es nur die Möglichkeit eine schulische Ausbildung zu machen.

Dabei besagt eine zentrale Aussage der Studie der Hans Böckler Stiftung zum Thema „Berufsausbildung für Europas Jugend“: „Je stärker das Engagement von Unternehmen in der (dualen) Ausbildung ist, desto größer sind die Arbeitsmarktchancen der jungen Generation. Denn eine praxisnahe Ausbildung senkt die Jugendarbeitslosigkeit und sichert Europa Fachkräfte im globalen Wettbewerb.“

Das Engagement der öffentlichen Hand und das im Betrieb sind zwei wichtige Faktoren in der beruflichen Ausbildung. Zum Bereich der öffentlichen Hand gehören die Investitionen in die Erstausbildung, die Art der Zertifizierung und die Möglichkeiten der Weiterbildung. Der Betrieb wiederum muss Zeit, Geld und Arbeit in die Ausbildung der jungen Menschen stecken wollen. Um die Heterogenität in Europa darzustellen, haben wir uns unsere Nachbarn Italien und Großbritannien mal genauer angeschaut.

Berufsausbildung in Italien

In Italien ist die Berufsausbildung beispielsweise in staatliche und regionale Angebote aufgeteilt, die sich sehr von Region zu Region unterscheiden. Der Staat bietet verschiedene berufliche und technische Institute, die gleich an die neunjährigen Schulpflicht angeschlossen sind (statt aufs Gymnasium zu gehen). Es gibt zwar auch eine Art Lehrvertrag (apprendistato) innerhalb eines Betriebes, der aber keiner Standardisierung unterworfen ist. Praktische Berufe wie Bäcker, Konditor oder Koch werden auch oft durch learning by doing vermittelt.

Ein anderer Weg ist an einer der privaten Schulen Geld zu zahlen und dort Kurse in Theorie und Praxis zu belegen, um dann in den Beruf einzusteigen. Wie beispielsweise die Università dei sapori in Perugia, bei der man einen dreimonatigen Konditorenkurs besuchen kann und einen Monat Praktikum macht – und dafür etwa 4000 Euro bezahlt. Die Jugendarbeitslosigkeit in Italien beträgt etwa 42 Prozent und der Stellenwert einer Berufsausbildung ist sehr niedrig.

Berufsausbildung in Großbritannien

Auch in Großbritannien ist das Image einer Ausbildung schlecht – für viele machen das nur die Menschen, die nicht die Noten oder das Geld für die Universität haben. Das Berufsausbildungssystem ist dezentral organisiert und modular aufgebaut. Wie bei einem Baukastenprinzip werden die Module zu einem Abschluss addiert. Der Großteil nimmt an vollzeitschulischen Ausbildungsgängen teil, aber die Zahl derer, die eine duale Ausbildung machen (Apprenticeships) nimmt langsam zu. Die Jugendarbeitslosigkeit beträgt etwa 20 Prozent, wobei hier oft der Übergang von Schule zur Ausbildung als Problem gesehen wird. Doch auch die Qualität der Ausbildung an sich ist sehr unterschiedlich und wird von vielen Unternehmen bemängelt.

Ausbildungsberufe haben ein schlechte Image

In vielen Ländern ist das Image einer Berufsausbildung ein großes Problem – sie wird viel weniger wertgeschätzt. In traditionsreichen Systemen wie der Schweiz und Deutschland war das früher nicht so, doch mittlerweile möchten auch hier immer mehr Jugendliche studieren. Trotzdem hat eine deutsche Berufsausbildung im internationalen Vergleich ein sehr hohes Ansehen. Gerade wegen seiner Dualität. Und selbst in den Betrieben, an der sich Uniabsolventen bewerben, wird eine vorherige Berufsausbildung gerne gesehen – da diese Bewerber mehr Praxisbezug haben als normale Studenten.

Ein Vorteil einer dualen Ausbildung ist, dass – im besten Fall – die in der Berufsschule gelernten Themen, wie neue Techniken oder die Bedienung der Maschinen, gleich in der Praxis im Betrieb umgesetzt werden können. Durch die drei Jahre kann sich so das Wissen verfestigen und die Schwierigkeitsstufen gesteigert werden.

Für die oft erst 15 oder 16-jährigen Auszubildenden ist die Umstellung natürlich nicht einfach. Sie müssen zwischen 327 anerkannten Ausbildungsberufen wählen, ohne vorher einmal wirklich gearbeitet zu haben. Gerade waren sie noch ganz normale Schüler und plötzlich haben sie eine 40 Stunden Woche und müssen mitunter auch schwer körperlich arbeiten. Da kann sich einer schnell überfordert fühlen – vor allem wenn die Kollegen sich an ihre Ausbildungszeit nicht so gut erinnern und die Erwartungen hoch sind.

An solchen Stellen setzt auch das Mentoring-Programm von ROCK YOUR COMPANY! an und hilft zum Beispiel mehr Verständnis für beide Seiten aufzubauen. Dazu kommt, dass die Mentees während den Trainings mehr über sich und ihre Fähigkeiten erfahren und so auch herausfinden können, in was sie richtig gut sind. Denn egal, ob Studium oder Ausbildung: wichtig ist zu wissen, was man eigentlich beruflich machen möchte in seinem Leben und dafür braucht es auch Selbstvertrauen und Mut.

 

 

Quellen:

Schultheism K.; Sell, S. (2014): Berufliche Bildung im internationalen Vergleich. Online verfügbar unter: http://www.bpb.de/politik/innenpolitik/arbeitsmarktpolitik/187855/berufliche-bildung-im-internationalen-vergleich?p=all 

bp – das Informationsportal für ausländische Berufsqualifikationen (2017): Berufsbildungssystem in Großbritannien. Online verfügbar unter: https://www.bq-portal.de/de/db/berufsbildungssysteme/2168

U.a. Blöchle, S.-A. Flake, R. (2014): Studie: BERUFSAUSBILDUNG FÜR EUROPAS JUGEND. Voneinander lernen, miteinander gestalten. Online verfügbar unter: https://www.boeckler.de/pdf/p_mbf_berufsausbildung_europa.pdf

Deutsche Handwerks Zeitung (2015): Berufsbildung: So werden Jugendliche in Europa ausgebildet. Online verfügbar unter: https://www.deutsche-handwerks-zeitung.de/berufsausbildung-so-werden-jugendliche-in-europa-ausgebildet/150/3091/316186

Deutscher Bundestag (2006): Duale Systeme der beruflichen Bildung im europäischen Vergleich. Online verfügbar unter: https://www.bundestag.de/blob/416592/ac5bdf6baec097a14a6e645229e85e32/wf-viii-g-065-06-pdf-data.pdf

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