Female Entrepreneurship – Führung der Zukunft?

Abbildung: Business Woman im Büro - Female Entrepreneurship

„Es darf nicht sein, dass fast ausschließlich Männer entscheiden“ …

titelte ein Artikel der ZEIT ONLINE im April. In dem darin veröffentlichten Interview erörtert Anja Delastik, Chefredakteurin der deutschen Cosmopolitan, den Bedarf an Frauen in Führungspositionen. Interessant liest sich der Artikel vor allem, wenn es um den stereotypen Vorwurf geht, Frauen seien für Chefpositionen „zu nett“ und würden deshalb weniger ernst genommen (konträre Behauptungen und Studienergebnisse findet ihr hier). Delastik dekonstruiert diesen Vorwurf und erklärt, dass es auf Authentizität ankomme. Ferner hätten Führungsstärke, Entschiedenheit und Kreativität nichts mit Unhöflichkeit zu tun.

Dieser Medienartikel trifft den Zahn der Zeit: Immer mehr öffentliche Debatten sowie einschlägige Studien gehen der Frage nach, wie gerade ein ‚typisch’ weiblicher Führungsstil die Zukunft gestalten kann.

In einer groß angelegten Studie untersuchte die IHK München und Oberbayern genderspezifische Unterschiede im Unternehmertum – beispielsweise ob Männer und Frauen ihre Betriebe unterschiedlich führen und wie sie in die Selbstständigkeit starteten. Befragt wurden 400 Unternehmerinnen und Unternehmer aus Oberbayern; ergänzt wurden die Ergebnisse durch 30 qualitative Interviews, die tiefere Einblicke in die Führungsstile der Frauen erlauben. Kurzum konnte die IHK-Studie die Bedeutung von Female Entrepreneurship für die Wirtschaft herausstellen (siehe unten). Zunächst möchten wir euch aber einige interessante Ergebnisse vorstellen.

Abbildung: Gründerin führt Geschäftsmänner an

Ungeahnte Befunde oder altbekannte Unterschiede?

Die IHK-Studie stellte einige Gemeinsamkeiten zwischen den Unternehmerinnen und Unternehmern fest. Vor allem hinsichtlich der Motivation zur Geschäftsgründung sind sich die Geschlechter einig: die Faktoren Unabhängigkeit und Selbstbestimmung sind am wichtigsten. Auch konnte mit traditionellen Vorurteilen aufgeräumt werden, dass Frauen seltener Familienunternehmen fortführen würden oder hauptsächlich nebenerwerblich tätig seien: In München und Oberbayern starten zumindest mehr Frauen als Männer direkt im Vollerwerb in die Selbstständigkeit (74 % vs. 68 %).

Grafik: Motivatoren

Dabei werden die Unternehmerinnen nicht grundsätzlich durch ihre Familiensituation oder konservative Rollenbilder beeinträchtig. Sowohl 50 % der befragten Männer als auch der befragten Frauen haben Kinder: „Die Familiensituation an sich spielt für die Selbstständigkeit also keine spezifische Rolle.“

Nichtsdestotrotz nimmt sie Einfluss auf den Gründungszeitraum und stellt eine Herausforderung beim Unternehmenserhalt dar. Rund 23 Prozent der Frauen geben an, nach „Änderung der Familiensituation“ in die Selbstständigkeit gestartet zu sein. Zudem sind sie eher bereit, auch im späteren Alter noch ‚zu gründen’, und betonen im Vergleich zu ihren männlichen Counterparts die zeitlichen Belastungen ihrer Selbstständigkeit. Die Autoren der Studie interpretieren dies genderspezifisch und erinnern an ein altbekanntes Problem: „Nach der Gründung werden die Frauen wieder stärker vom traditionellen Rollenbild eingeholt, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird wieder zum Frauenthema.“ (S. 13). 

Ein weiterer interessanter Befund der Studie der IHK München und Oberbayern ist, dass Frauen als weiteren Motivator zum Gründen „erlebte Diskriminierung“ in ihren vorherigen Arbeitsverhältnissen angeben. Sowohl die Befragung als auch die qualitativen Interviews zeigen, dass Frauen als Angestellte häufig nicht weiterkommen, sprich an „gläserne Decken stoßen“. Ihnen werden Führungspositionen verweigert, Teilzeit-Modelle stellen Hindernisse dar oder sie sind schlicht unterfordert und gelangweilt. Durch die Selbständigkeit ermöglichen sie sich Gestaltungs- und Entscheidungsfreiheit.

Bedeutung von Female Entrepreneurship

Die eben erwähnten Freiheiten nutzen Unternehmerinnen besonders wirkungsvoll und sozial verträglich. Die IHK-Studie beschreibt weibliches Unternehmertum als Vorbild für die Zukunft:

“Weibliche Führung stellt den Menschen in den Mittelpunkt und zeichnet sich durch eine sichere Intuition und komplexe, multifaktorielle Abwägung aus. Damit verfügen Frauen schon heute über die Führungseigenschaften von morgen. Denn für die Wirtschaft der Zukunft werden Soft Skills und komplexes Denken immer wichtiger.” (S. 2 )

Die Argumente dafür lassen sich sowohl in der Befragung als auch in den Interviews finden. Frauen beziehen den Erfolg ihres Unternehmens zwar (wie auch die männlichen Entrepreneurs) zum größten Teil auf ihre Geschäftsidee sowie auf eine flexible Anpassung ans Geschäftsfeld. Darüber hinaus heben sie aber auch menschliche Faktoren, wie die Beziehungen zu Mitarbeitern und Geschäftspartnern, hervor. Des Weiteren spielen Innovation, Kreativität und Empathie für Unternehmerinnen eine übergeordnete Rolle.

Die interviewten, erfolgreichen Gründerinnen in Oberbayern weisen zudem einen Führungsstil auf, der durch ethische Werte geprägt ist, Mitarbeiter für die eigene Vision begeistern möchte, klare Kommunikationslinien aufweist und Formate wie Zielvereinbarungsgespräche integriert. Die „Partizipation als Prinzip der Führung“ wird über die betonte Empathie der Unternehmerinnen für soziale Beziehungen und Gruppen erklärt. In der Entscheidungsfindung würden Frauen zudem viele Faktoren einbeziehen, zum Beispiel die Meinungen von Mitarbeitern und Experten, die allgemeine Faktenlage, aber auch Intuition und Perspektiven aus früheren Erfahrungen. In Kombination mit ihrem eher transaktionalen Führungsstil sind sie daher in der Lage reflektierte Entscheidungen zu treffen und einen Mehrwert für ihr Unternehmen zu schaffen.

Abbildung: Kooperation und Empathie

Coaching- und Mentoring-Programme im „Female Empowerment“

In den vorangegangen Ausführungen wurde deutlich, wie zielführend und gewinnbringend weibliche Führung sein kann. Frauen sollten daher noch stärker auf ihrem Berufsweg unterstützt und bestärkt werden. Dies betonen auch die befragten Unternehmerinnen. Sie heben hervor, wie wichtig für sie Vorbilder aus dem eigenen Berufsfeld (sogenannte Role Models) oder Personen aus dem privaten Umfeld waren. Gerade in der Gründungszeit hätten sie sich jedoch mehr Beratungsangebote gewünscht oder gar ein persönliches „Gründercoaching“ durch einen Mentor bzw. eine Mentorin.

Solche Formate des Frauen-Mentorings existieren bereits in einigen Firmen, im Rahmen sozialer Initiativen oder an Universitäten, und scheinen sich als wertvoll zu erweisen. Wir sind gespannt, wie man solche Programme noch wirkungsvoller gestalten kann und welche Projekte ROCK YOUR COMPANY! dahingehend mitbegleiten kann!

 

Weitere Literatur (inkl. anderer Perspektiven und Meinungen):

https://www.seakademie.de/FemaleEntrepreneurship.aspx

https://www.uni-hohenheim.de/pressemitteilung?&tx_ttnews%5Btt_news%5D=28660&cHash=5814a7939e45f2ac251e0083bba803a7 

https://ec.europa.eu/growth/smes/promoting-entrepreneurship/we-work-for/women_de

Infographics zum Thema (US-Markt):
https://www.entrepreneur.com/article/285656

Quellen:

ZEIT ONLINE. 2017. „Es darf nicht sein, dass fast ausschließlich Männer entscheiden“. https://www.zeit.de/karriere/2017-04/female-empowerment-interview-anja-delastik-cosmopolitan

IHK München und Oberbayern. 2016. Unternehmerinnen in Oberbayern: Studie zu Spezifika weiblichen Unternehmertums. https://www.ihk-muenchen.de/ihk/documents/Frauen-in-der-Wirtschaft/Studie-Unternehmerinnen-in-Oberbayern.pdf

 

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