Ist der Fachkräftemangel hausgemacht? Immer weniger Auszubildende in deutschen Unternehmen

“Fachkräftemangel lässt sich nur durch Ausbildung erfolgreich verhindern. Das sollten auch die DAX-Unternehmen wissen, die heute weniger als früher ausbilden”, mahnte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) in einem Interview mit dem “Handelsblatt”. 

Trotz der Bedeutung der dualen Ausbildung für den Fachkräftemangel zeigt sich seit Jahren eine rückläufige Ausbildungsquote – besonders bei Großunternehmen.

Das Handelsblatt befragte Deutschlands börsennotierte Topunternehmen und fand heraus, dass von 28 DAX-Konzernen die Ausbildungsquote bei 67 % der befragten Unternehmen ( 19  Unternehmen) zurückgegangen ist. 

Eine Untersuchung von Robert Scholz vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB, 2018) zeigt, dass die Anzahl der Auszubildenden von 2013 bis 2017 bei den untersuchten Unternehmen um ein Viertel gesunken ist. Das steht in einem starken Gegensatz zu dem häufig beklagten Fachkräftemangel. “Überall, im Handwerk, in den kleinen und mittleren Unternehmern und natürlich auch in den DAX-Unternehmen (braucht es) mehr und nicht weniger Ausbildung”, forderte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) im “Handelsblatt”.

Weniger Auszubildende – mehr Mitarbeiter

Scholz (2018) hält den Rückgang der Ausbildungsquote für überraschend, da die Beschäftigungsquote in den letzten Jahren stabil geblieben ist, bzw. bei den untersuchten Unternehmen (siehe Grafik, blauer Balken). Selbst in den Krisenjahren 2008/2009 zeigte sich kein so starker Rückgang der Ausbildungsquote wie seit 2014.

Dass gerade Großkonzerne weniger junge Menschen ausbilden, sei “enttäuschend”, meint der Politiker Stefan Kaufmann (CDU). Besonders Großunternehmen stehen in der Verantwortung junge Menschen auszubilden, da sie sich “wesentlich leichter (tun), junge Menschen für eine berufliche Ausbildung zu gewinnen als kleine und mittlere Unternehmen”. 

Entwicklung von Beschäftigung und Ausbildung in börsennotierten Unternehmen von 2007 bis 2017

Großunternehmen scheinen den Rückgang der Ausbildungsquote zumindest teilweise durch die Rekrutierung oder das Abwerben von Fachkräfte zu kompensieren, die von kleinen Betrieben und mittelständischen Unternehmen ausgebildet werden. 

Hierfür findet Reinhold von Eben-Worlée, Präsident der Familienunternehmen, klare Worte gegenüber dem “Handelsblatt”:

“Renditegetriebene Kapitalgesellschaften, die trotz bester Auftragslage nicht bereit sind, junge Menschen auszubilden, sondern stattdessen am Markt fertige Fachkräfte lediglich über höhere Löhne abfischen, übernehmen keinerlei gesellschaftliche Verantwortung“.

Gründe für den Rückgang der Ausbildungsquote – Fachkräftemangel reicht als Erklärung nicht aus

Häufig wird beim Rückgang der Ausbildungsquote auf fehlende Bewerber und den Fachkräftemangel verwiesen. Angesichts des starken Rückgangs der Ausbildungsquote um ca. 25 % seit 2014 greift diese Erklärung jedoch zu kurz, findet Scholz (2018), besonders da auch große Unternehmen immer weniger junge Menschen ausbilden und gleichzeitig mehr Mitarbeiter einstellen. Große Unternehmen hätten bei der Bewerbersuche für Ausbildungsplätze einige Vorteile gegenüber kleinen Unternehmen: eine hohe Sichtbarkeit als Arbeitgeber (“Arbeitgebermarke”), Tarifverträge mit entsprechender Vergütungsstruktur, Übernahmeoptionen und (internationale) Entwicklungsmöglichkeiten. 

Die Abnahme der Ausbildungsquote hat vielfältigere Ursachen, u. a. die steigende Attraktivität des dualen Studium. Jedoch erklärt auch dieser Trend den Rückgang nur teilweise: in 18% der Unternehmen stieg die Quote der dualen Studenten an, in 22 % ging sie zurück und in 60 % blieb sie gleich. Gleichzeitig ging die Ausbildungsquote bei 40% der untersuchten Unternehmen zurück. Sowohl in relativen als auch absoluten Zahlen geht demnach die Anzahl dualer Auszubildender und Studenten in Betrieben zurück.

Digitalisierungstrend in Branchen und Internationalisierung als Erklärung

Scholz (2018) identifiziert den Trend „von der Werkstatt ins Büro“ und bestimmte Entwicklungen in Branchen als Erklärungsansatz für sinkende Ausbildungszahlen. So würden z.B. im Bank- und Fianzdienstleistungssektor durch die Digitalisierung weniger Auszubildende gebraucht. Internet-Banking und die Digitalisierung von Arbeitsabläufen fallen zunehmend Bereiche und Tätigkeiten, wie der Kundenkontakt, weg. Im Bank- und Fianzdienstleistungssektor ist der Rückgang der Ausbildungsquote besonders hoch:

Scholz (2018) fand bei sieben ausgewählten Unternehmen einen Rückgang von 5549 auf 2839 Auszubildenden (von 2011 bis 2017). Damit halbierte sich die Zahl der Auszubildenden nahezu. 

Auch der Energiesektor zeigt einen besonders hohen Rückgang der Ausbildungszahlen, u. a. durch die Energiewende und die Zentralisierung von Dienstleistungen. 

Auch die Internationalisierung der Ausbildung trägt teilweise zu dem Rückgang der Ausbildungsquote in Deutschland bei. Zwar erfolgt bei 73 % der Unternehmen die Ausbildung ausschließlich in Deutschland, jedoch zeigt sich besonders in der Automobil-, Maschinen- und Rohstoffförderbranche eine Internationalisierung: nahezu alle befragten Unternehmen mit Standorten im Ausland weiteten ihre Ausbildungsaktivitäten im Ausland aus (Scholz, 2018).

Ausbildung zur Fachkräftesicherung und als gesellschaftlicher Beitrag

In Zeiten, in denen der Arbeitsmarkt in manchen Sektoren und Regionen leergefegt ist, ist die duale Berufsausbildung ein wichtiger betrieblicher Beitrag zur Fachkräftesicherung. Jedoch übernehmen Unternehmen mit der betrieblichen Ausbildung darüberhinaus eine wichtige gesellschaftliche Funktion, denn die betriebliche Ausbildung trägt laut Stefan Kaufmann (CDU) „maßgeblich dazu bei, dass bei uns so wenig junge Menschen arbeitslos sind wie nirgendwo sonst in Europa“. 

Angesichts der Bedeutung der dualen Berufsausbildung für die Wettbewerbssicherung übernehmen Familienunternehmen eine Vorbildfunktion. So wollen 19 % der Familienunternehmen ihre Ausbildungsbemühungen steigern, 54 % streben eine Kostanthaltung an und nur sieben % planen eine Reduktion der Ausbildung (Umfrage der Familienunternehmer). 

Quellen: 

dts – Deutsche Textservice Nachrichtenagentur GmbH (2018, 29 Dezember). Der Rückgang der Lehrlings-Ausbildung in den DAX-Konzernen hat in Mittelstand und Politik teils heftige Kritik ausgelöst. Abgerufen unter https://www.ad-hoc-news.de/wissenschaft/der-rueckgang-der-lehrlings-ausbildung-in-den-dax-konzernen-hat-in/58210943

Gillmann, B. (2018, 29 Oktober). Heftige Kritik an Ausbildungs-Minus in Dax-Konzernen. Handelsblatt. Abgerufen von https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/azubis-heftige-kritik-an-ausbildungs-minus-in-dax-konzernen/23810376.html?ticket=ST-142363-UHWrDcbiMJfYosqPsIeA-ap6

Scholz, R. (2018). Mehr Beschäftigte, weniger Auszubildende Warum die duale Berufsausbil­dung in Deutschland schwächelt. WZB Mitteilungen (162). Abrufbar unter: https://bibliothek.wzb.eu/artikel/2018/f-21704.pdf. 

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